Daten aus bürgerwissenschaftlichen Projekten werden häufig nicht auf die gleiche Weise erhoben, wie Wissenschaftler es gelernt haben. Geht ein Forscher zum Beispiel ins Feld, um eine bestimmte Art zu suchen, so wird das systematisch geplant: Orte, Zeiträume, Länge der Beobachtung und weitere Regeln werden vorher bestimmt und dann nach einem Protokoll abgearbeitet. Sogenannte strukturierte Citizen Science-Projekte wenden diese Standards auch an, aber die Menge an erhobenen Daten und möglichen Teilnehmenden ist durch den Aufwand an Weiterbildung und Management der Freiwilligen begrenzt.

In sogenannten unstrukturierten Projekten, wie dem Mückenatlas, gibt es hingegen kein striktes Protokoll. Jeder kann mitmachen und muss sich bei der Beteiligung, sei es der Beobachtung von Wintervögeln, der online-Klassifizierung einer Galaxie, oder eben beim Fangen einer Mücke, an nur wenige Vorgaben halten. Das führt allerdings zu Verzerrungen in den Daten durch unterschiedliche Gründe: Teilnehmende haben mehr oder weniger Expertise, sammeln lieber zuhause oder im Naturschutzgebiet, haben lediglich am Wochenende Zeit oder wollen nur ihre Lieblingsart beobachten. Die Citizen Scientists verhalten sich opportunistisch, und folglich werden die auf diese Weise erhobenen Datensammlungen auch opportunistisch genannt.

Kumulative Einsendezahlen über die Jahre hinweg (links) und pro Monat (rechts).

In einer kürzlich veröffentlichten Studie haben die Mückenatlas-Forscher nun die opportunistischen Daten aus dem Citizen Science-Projekt auf zeitliche und räumliche Muster überprüft und die Ergebnisse im Journal Scientific Reports veröffentlicht. So liegt die auffallend unterschiedliche Zahl an Einsendungen pro Jahr nicht nur an saisonalen klimatischen Bedingungen, sondern auch an der Berichterstattung über Stechmücken in den Medien. In den Jahren 2016 und 2017 wurde ergiebig über den Mückenatlas im Zusammenhang mit dem Zika-Virus berichtet, so dass in diesem Zeitraum viel mehr Menschen, vielleicht auch aus Besorgnis, Stechmücken einschickten.

Weiterhin bestätigt sich ein bekanntes Phänomen in Citizen Science-Projekten: in Gegenden mit höherer Bevölkerungsdichte gibt es mehr Beteiligung am Mückenatlas. Rechnet man diesen Faktor allerdings heraus, zeigen die Daten ein vermehrtes Engagement der Bürger in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das könnte daran liegen, dass das Projekt Mückenatlas an Forschungsinstituten in diesen beiden Bundesländern angesiedelt ist und deswegen die Projekte dort besser bekannt sind. Aber auch Umweltfaktoren, wie etwa das Vorhandensein vieler Bruthabitate durch stehende Gewässer, könnte die Wahrscheinlichkeit einer Stechmücken-Einsendung positiv beeinflussen.

Nur wenn wir verstehen, welche Faktoren die Sammlung von Daten beeinflusst, können aus ihnen auch ökologisch sinnvolle Zusammenhänge ermittelt werden. Würde man zum Beispiel die Einwohnerzahl bei der Erstellung von Verbreitungskarten nicht berücksichtigen, so würden diese für häufig eingesandte Stechmücken-Arten stets einer Bevölkerungskarte Deutschlands gleichen. Immer bessere statistische Methoden sorgen aber dafür, dass opportunistische Citizen Science-Daten aus unstrukturierten Programmen für die Wissenschaft an Relevanz gewinnen.

Pernat, N.; Kampen, H.; Ruland, F.; Jeschke, J.M.; Werner, D. Drivers of spatio-temporal variation in mosquito submissions to the citizen science project ‘Mückenatlas’. Sci. Rep. 2021, 11, 1356. https://www.doi.org/10.1038/s41598-020-80365-3.